Leni Yahil

Die Zionistin
1912
2007

Vater: Ernst Westphal

Mutter: Helene Westphal

Geschwister: Hans-Carl, Dorothea Agnes Helene, Barbara Elisabeth Charlotte, Cecilie Clara Anna


In ihrem 1055-Seiten-Buch „Die Shoah. Überlebenskampf und Vernichtung der europäischen Juden“ (1987) erwähnt Leni Yahil den Vorfahren väterlicherseits, Moses Mendelssohn, en passant als Initiator des Assimilations-Bundes der Juden mit Deutschlands Kultur. Mendelssohn, der rechtlose Gastarbeiter, hatte am Ende des 18. Jahrhunderts, wie zu seiner Zeit üblich, zwar von der „jüdischen Nation“ gesprochen, sich aber einen Judenstaat in Palästina nur schwer vorstellen können.

Leni Yahil, die 1912, in Düsseldorf als Helene Erna Wilhelmine Westphal geboren wird, wächst in einer Familie auf, die sich dem Deutschtum unverbrüchlich verbunden fühlt. Die Jüngste von fünf Geschwistern hat zum jüdischen Großvater mütterlicherseits, dem Berliner Mäzen James Simon, ein inniges Verhältnis; er schenkt ihr als erstes hebräisches Buch eine Bibel mit deutscher Übersetzung. Ihr getaufter Vater Ernst Westphal ist Richter, Patriot, war im Weltkrieg Frontsoldat, wird Verwaltungsrichter in Potsdam. Dort besucht Leni die Realgymnasialstudienanstalt für Mädchen. In München und Berlin studiert sie Geschichte, hört Vorlesungen des Rabbiners Leo Baeck an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Durch ihren Beitritt zu dem vom „Wandervogel“ inspirierten „Reichsverband der Kameraden“ im Jahr 1928 wird „Beschäftigung mit den Werten des Judentums“, verbunden mit einem „Bekenntnis zum deutschen Volkstum“, für sie zum Gemeinschafts-Ideal.

Leni Yahil im Kindesalter mit ihrer Mutter Helene Westphal, geborene Simon © Privatbesitz
Leni Yahil im Kindesalter mit ihrer Mutter Helene Westphal, geborene Simon © Privatbesitz

Aus Lenis „Kameraden“ wird 1932 die Gruppe der „Werkleute“, ein „Bund deutsch-jüdischer Jugend“, der sich zum Ziel setzt: „... durch die Form der Erziehung einen jüdischen Menschen herauszubilden, der in Gesinnung und Haltung sich von dem in der Galuth (= Exil) entstandenen Zerrbild des Juden abhebt.“ Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gehen die Ersten zur Kibbuz-Gründung nach Palästina, im Oktober 1934 folgt Leni Yahil. Sie verpackt auf dem Land zunächst Orangen, setzt dann aber an der Hebräischen Universität in Jerusalem ihre Studien fort. Zwei Geschwister emigrieren aus Deutschland nach Südafrika.

Der Vater Ernst hatte am 8. März 1933 in einer internen Umlaufmappe gegen die Hakenkreuzbeflaggung des Gerichtsgebäudes protestiert, er ist – auch wegen seiner jüdischen Herkunft – in den Ruhestand versetzt worden. Schließlich besorgen die Kinder im Exil für ihre Eltern Visa, die zu spät, nach Kriegsbeginn, in Berlin eintreffen. Während der nächsten sechs Jahre werden Ernst und Helene Westphal von einer Wohnung und einem Versteck zum anderen ziehen, zuletzt untergetaucht. Lenis Tante Elisabeth wird sich vor der angesagten Deportation das Leben nehmen; Tante Marie, die Witwe des Bankiers Franz von Mendelssohn, wird nach einer Lösegeld-Zahlung an die SS ins Ausland gerettet. Über den Suizid des Überlebenden Ernst Westphal 1949 in Südafrika hat seine Tochter Leni in Israel, fünf Jahre vor ihrem Tod mit 95 Jahren, geschrieben: „Seine Welt, wie er sie verstanden und gesehen hat, war zusammengebrochen.“

1942 hatte Leni den Politikwissenschaftler Chaim Hoffmann geheiratet, der aus der Tschechoslowakei nach Palästina emigriert war und seinen Namen in Yahil hebraisiert. Die Söhne Amos und Jonathan werden 1943 und 1945 geboren.

1. Mai, Feiertag der Arbeiter: Chaim Yahil als Vertreter der Jewish Agency mit Überlebenden der NS-Verfolgung („Displaced Persons“) im DP-Camp München-Neu-Freimann (1946 / 1948). Die Jewish Agency organisierte die Einwanderung nach Palästina.  Foto: Jack Sutin / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Saul Sorrin
1. Mai, Feiertag der Arbeiter: Chaim Yahil als Vertreter der Jewish Agency mit Überlebenden der NS-Verfolgung („Displaced Persons“) im DP-Camp München-Neu-Freimann (1946 / 1948). Die Jewish Agency organisierte die Einwanderung nach Palästina. Foto: Jack Sutin / United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Saul Sorrin
Jonathan Yahil, der zweite Sohn Lenis, in Uniform, geboren 1945
Jonathan Yahil, der zweite Sohn Lenis, in Uniform, geboren 1945

Für die politische Karriere ihres Mannes, der als Vertreter der Jewish Agency in den europäischen Camps bei Displaced Persons unterwegs ist, Konsul des jungen Staates Israel in München wird, mit BRD-Behörden über die Entschädigung jüdischen Vermögens verhandelt und ab 1956 Botschafter in Skandinavien wird, stellt Leni Yahil ihre Wissenschaft immer wieder zurück. Während der Jahre in Stockholm sammelt sie Material für ihre Dissertation über die „Rettung der dänischen Juden. Test einer Demokratie“. Als Professorin in Haifa, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Yad Vashem und Gastprofessorin in den USA wird sie zu einer Instanz bei der Erforschung der Shoah.

Die Familie Yahil um 1960: Amos, Jonathan, Chaim und Leni © Privatbesitz
Die Familie Yahil um 1960: Amos, Jonathan, Chaim und Leni © Privatbesitz
Hannah Arendt, die jüdische Philosophin aus Deutschland, 1935 in einem Pariser Café, © Hannah Arendt Bluecher Literary Trust
Hannah Arendt, die jüdische Philosophin aus Deutschland, 1935 in einem Pariser Café, © Hannah Arendt Bluecher Literary Trust

1961 begegnet Leni Yahil der Philosophin Hannah Arendt, beide befreunden sich. 1963 entwickelt sich zwischen ihnen eine briefliche Kontroverse über Arendts Berichterstattung zum Eichmann-Prozess. Leni Yahil widerspricht dem Deutungsansatz „Banalität des Bösen“: Sie akzeptiert nicht, dass jemand wie der Organisator der Judenvernichtung, so Arendt, als Marionette des totalitären Systems eigentlich nicht des Mordes angeklagt werden dürfe: da ihm die Fähigkeit zum eigenen Denken genommen worden sei. Vielmehr konstatiert sie, dass es im „Dritten Reich“ für die meisten Menschen sehr wohl moralische Maßstäbe gab, die aber verdrängt wurden, wo man sich zur Situation der Juden hätte verhalten müssen. Außerdem weist sie Arendts Pauschal-Verurteilung der „Judenräte“, die mit den Vollstreckern des Genozid kooperieren mussten, zurück sowie Angriffe auf die Wertvorstellungen des Staates Israel. Die Freundschaft zerbricht an dieser Auseinandersetzung. Ein Annäherungs-Brief Yahils im Jahr 1971 bleibt unbeantwortet.

»Wem glauben Sie damit zu dienen: der historischen Wahrheit? Der Gerechtigkeit? Der Gegenwart oder der Zukunft des deutschen oder des jüdischen Volkes? Oder wollen Sie speziell von dem letzteren beweisen, dass es nicht wert oder geeignet ist, als Volk unter den Völkern zu existieren? Ich frage Sie im Ernst, nicht polemisch, ich versteh es nicht.«
Leni Yahil an Hannah Arendt am 7. März 1963 aus dem kontroversen Briefwechsel der ehemaligen Freundinnen über Arendts Berichterstattung zum Eichmann-Prozeß.

Für die Historikerin wird das Zerwürfnis auch zur Anregung bei der Konzeption ihres Werkes über die Shoah. Ihre Betonung der jüdischen Perspektive, genauere Differenzierung zur Rolle unterschiedlicher Judenräte und des jüdischen Widerstandes können als Reaktion auf Arendts Positionen gelesen werden: „Mehr als alles andere ist es nötig, dass von den Nazis gesichtslos und gestaltlos gemachte Bild [der Opfer] wiederherzustellen.“ Ihre Geschichte der Shoah berücksichtigt, mehr als vorangegangene Standardwerke, jüdische Quellen, und sie zeigt, wie sich die Täter mit ihrem Vernichtungswillen und die Opfer mit ihrem Überlebensdrang gegenseitig beeinflussten. Gewidmet hat sie das Buch Chaim Yahil und dem im Sechstagekrieg gefallenen Sohn Jonathan, und hinzugefügt: „... deren größte Sorge war die Wiederherstellung Israels“.

Couvert Leni Yahils aus der Korrespondenz zwischen ihr und Hannah Arendt © Yad Vashem Studies, Mittelweg 36, 3/2010
Couvert Leni Yahils aus der Korrespondenz zwischen ihr und Hannah Arendt © Yad Vashem Studies, Mittelweg 36, 3/2010
1943
Amos Yahil
Der Astrophysiker
1893
1958
Paul Leo
Der Judenfreund
1874
1936
Albrecht Mendelssohn Bartholdy
Der Aufklärer